Arbeitsort Verkehrsbefragung

Ich arbeite in zeitlichen Abständen (ca. viermal im Jahr) für eine Firma, die vorrangig "Leute mit dummen Fragen nervt, obwohl man nur gemütlich Bus fahren will" (Zitat eines Fahrgastes).
Der Job ist relativ gut bezahlt, zeitlich flexibel und erfordert auch keine besonderen Qualifikationen ausser vielleicht einem guten Magen, wenn man in den ganz schlimm schunkelnden Bussen versuchen muss, das Gleichgewicht zu halten. Mal arbeite ich für sie in Hamm in den Bussen, dann wieder für Züge der Nordwest-Bahn, die von und nach Bielefeld fahren. Aber der Job ist immer derselbe.
Man hat ein Gerät, welches ein Zahlregister und Fragen enthält. Man zählt die Fahrgäste bei jedem einsteigen und stellt dann dem Fahrgast die Fragen und dieser beantwortet diese (im Idealfall) wahrheitsgemäß. Das macht man in einer Stunde etwa 5 bis 300 Mal (basierend auf Fahrzeug und Uhrzeit) und fährt so fröhlich im Kreis. Zusammen mit ein bis sechs Anderen, die alle jeweils ein Abteil des Fahrzeugs abdecken. Eine relativ entspannte, wenn nicht sogar langweilige Arbeit, wo man bei Erzählungen über randalierende Betrunkene in Nachbussen, Vollbremsungen wegen vereisten Gleisen und Polizeigroßeinsatz wegen einer Messerstecherei sich manchmal fragt, ob der Erzähler wirklich das selbe macht wie man selbst.
Ich selbst hatte nie solche schockierenden Erlebnisse gehabt, ich bin auch recht froh drum. Viel mehr leg ich Wert auf die Erinnerungen, die nicht schrecklich sondern schön waren. Und von denen ich bei der Jobbeschreibung anfangs nichtmal erwartet hätte, dass ich diese erleben könnte.

Es war im September, ich befragte einen Zug von Bielefeld bis nach Holzminden, immer fröhlich hin und her von 10 bis 19 Uhr. Der Zug war voll, denn es war Donnerstag, Schüler und Arbeitnehmer benutzen ihn, um vorran zu kommen, ganz zu Schweigen von den vielen Studenten, die wahlweise zur Uni in Paderborn oder Bielefeld wollten. Das Durchkommen war manchmal fast unmöglich, teilweise sabotierten genervte Fahrgäste mich und meine Partner sogar durch lautes Zwischenzählen oder Weg versperren. Ich denke, zu behaupten, dass es einer der anstrengensten (wenn nicht sogar DER anstrengenste) Arbeitstag in diesem Job war, ist nicht übertrieben.
Um 14 Uhr und ab 18 Uhr wurde es nur allmälich etwas ruhiger und leerer. Und in eben jener Zeit passierte etwas, dass mich spontan so sehr überrascht und gefreut hatte, dass ich es nicht mehr vergessen kann.
Auf der Strecke liegt Höxter und dort ist offenbar ein Ort, der Behinderten als Zuhause dient. Morgens habe ich vereinzelt welche befragt, gegen 15 Uhr waren jedoch auffallend viele unterwegs und abends erneut. Bis dahin hatte ich als Befrager immer geistige Behinderte als Alptraum gesehen, die mich nicht verstehen oder nicht antworten können. Leider ist dem auch teilweise so, mitunter merkt man erst nach drei Fragen, dass alle bisherigen Antworten wertlos sind, da die Person nur zwanghaft "Ja" sagen kann.
Doch die Behinderten in den Zeiträumen waren nicht nur in der Lage zu antworten, sie waren quasi Traum-"Kunden". Sie freuten sich darüber, dass man sie für befragungswürdig hielt. Sie gaben sich die größtmögliche Mühe, alles richtig zu beantworten. Wenn sie etwas nicht wussten, waren sie bereit, sich von mir Antwortmöglichkeiten anzuhören statt frustriert abzubrechen. War man fertig, so waren diese bester Laune, wünschten einem einen tollen Tag und verabschiedeten sich mitunter persönlich von einem, wenn sie ausstiegen. Auch die körperlich Behinderten waren überglücklich, beachtet zu werden, ein kleinwüchsiger Mann hatte sich sogar extra umgesetzt in der Hoffnung, so schneller von mir befragt zu werden.
Im Gegensatz zu allen anderen Fahrgästen, die einen wie ein Insekt sahen, dass sie am Liebsten platt schlagen würden aber grad zu faul dafür sind, waren sie glücklich und froh, tatsächlich mal von Bedeutung zu sein. Auch, wenn ich schon vorher viel Erfahrung mit Behinderten gehabt habe, so musste ich doch meine Sicht auf jene nochmal nachhaltig verändern.
Sie sind nicht dumm und auch nicht krank. Ich würde sagen...sie sind die glücklichsten Menschen auf Erden.
Sie verschönerten mir den stressigen Tag mit ihrer fröhlichen Unbefangenheit und ich gab ihnen offenbar das Gefühl dafür, wichtig zu sein. Wäre ich [...] voreingenommen gegenüber behinderten Menschen gewesen, so hätte ich nicht nur knapp 14% aller Fahrgäste brutal aus der Statistik geschnitten, ich hätte auch einen wesentlich schrecklicheren Tag gehabt.

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